zuletzt aktualisiert 6. Oktober 2025
Einleitung
Die zweite Konstanzer KI-Studie 2025, durchgeführt vom Future of Work Lab an der Universität Konstanz unter Leitung von Prof. Dr. Florian Kunze, liefert aufschlussreiche empirische Daten über den gegenwärtigen Stand der KI-Nutzung in deutschen Unternehmen. In zwei Erhebungswellen (2024 und 2025) wurden über 3.000 Erwerbstätige befragt, um zentrale Entwicklungen und Ungleichheiten im Umgang mit KI zu dokumentieren.
Die Ergebnisse zeigen: Während der Einsatz von KI zunimmt, bleiben tiefgreifende Unterschiede zwischen Berufsgruppen, Bildungsniveaus und Unternehmensgrößen bestehen. Die gesellschaftliche Debatte wird stark von Unsicherheit und ungleichem Zugang zur Technologie geprägt – mit weitreichenden Folgen für HR und Personalentwicklung.
Zunehmende Relevanz von KI für die Arbeitswelt
Die Nutzung generativer KI-Anwendungen wie ChatGPT hat sich binnen eines Jahres spürbar erhöht: Der Anteil der Beschäftigten, die solche Tools im Berufsalltag einsetzen, stieg von 24 % auf 35 %. Auch spezialisierte Tools für Prädiktion, Robotik oder Routenplanung halten zunehmend Einzug. Dennoch bleibt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. Die Autoren verweisen darauf, dass Effizienzgewinne und Innovationspotenziale erkannt werden, jedoch weiterhin Unsicherheit und Zurückhaltung dominieren.
Prof. Kunze betont: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass KI in Deutschland zwar immer wichtiger wird – die gesellschaftliche Debatte aber stark von Unsicherheit und Ungleichheiten geprägt ist.“
Ambivalente Wahrnehmung: Unsicherheit trotz Fortschritt
Ein Drittel der Beschäftigten kann nach wie vor nicht einschätzen, wie sich KI auf ihre Tätigkeit auswirken wird. Während 46 % der Befragten gravierende Risiken für den Arbeitsmarkt durch Automatisierung sehen, befürchten dagegen nur 20 % den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes.
Die Wahrnehmung bleibt also abstrakt und oft auf gesamtgesellschaftliche Effekte beschränkt – ein Problem für Kommunikation und Change-Management. Wenn Risiken primär nur auf einer kollektiven Ebene verortet werden, droht die notwendige individuelle Auseinandersetzung mit dem Thema auszufallen. Daraus entsteht in Unternehmen die Herausforderung, eine Brücke zu schlagen zwischen der abstrakten Diskussion um KI und den ganz konkreten Veränderungen, die sich bereits heute im Arbeitsalltag einzelner Beschäftigter zeigen. Veränderungsprozesse müssen greifbar und persönlich relevant kommuniziert werden – sei es über praxisnahe Anwendungsbeispiele, partizipative Formate oder gezielte Gesprächsanlässe mit Führungskräften.
Ungleichheiten entlang von Berufs- und Bildungsgruppen
Unterschiede zwischen Wissens- und Produktionsarbeit
Besonders deutlich fällt der Nutzungszuwachs in wissensintensiven Bereichen wie IT, Verwaltung oder Forschung aus: Dort liegt der Anteil inzwischen bei 45 %. In produktionsnahen und handwerklichen Berufen hingegen stagniert die Entwicklung bei 21 %. Auch die Erwartungen an positive Effekte von KI variieren: 43 % der Büroangestellten erwarten Verbesserungen durch KI, während nur 24 % der Beschäftigten in manuellen Tätigkeiten solche Potenziale sehen.
Bildungsniveau als Zugangshürde
Die Studie zeigt auch: Wer bereits über höhere Bildungsabschlüsse verfügt, profitiert besonders stark. 51 % der Hochschulabsolvent:innen nutzen KI im Arbeitsalltag – dreimal so viele wie unter Beschäftigten mit niedrigem Bildungsabschluss. Die Mitautorin der Studie Carolina Opitz warnt: „Ohne gezielte politische oder betriebliche Unterstützung droht eine dauerhafte digitale Spaltung des Arbeitsmarkts.“
Fortbildungsbereitschaft wächst – aber ungleich verteilt
Die Bereitschaft zur Weiterbildung steigt zwar in allen Gruppen – insbesondere bei höher gebildeten Beschäftigten – doch strukturelle Barrieren verhindern bislang eine echte Annäherung. Die Lücke zwischen Anspruch und Zugang bleibt bestehen, was langfristig zu sozialer und technologischer Marginalisierung führen kann.
Wenn Beschäftigte schneller sind als Organisationen
Ein zentraler Befund der Studie lautet: „Die individuelle Nutzung und Wahrnehmung von KI entwickelt sich schneller als die entsprechenden Maßnahmen auf Organisationsebene.“
Konkret bedeutet das:
- Beschäftigte eignen sich eigenständig KI-Kompetenzen an – oft ohne betriebliche Unterstützung.
- In vielen kleinen Unternehmen fehlen Weiterbildungsangebote, Regelwerke oder Kommunikationsstrategien.
- In großen Betrieben ist mehr Dynamik erkennbar, aber auch dort bleibt das Gesamtniveau der strukturellen Anpassung gering.
- Gleichzeitig entwickeln sich in einigen Unternehmen informelle Praktiken der KI-Nutzung, sogenannte Schatten-KI: Beschäftigte nutzen KI-Anwendungen wie ChatGPT oder DeepL in Eigeninitiative und ohne offizielle Freigabe durch die Organisation. Diese Praxis birgt Risiken – etwa in Bezug auf Datenschutz, Qualitätssicherung oder strategische Kohärenz – bietet aber auch Hinweise auf bislang ungenutzte Innovationspotenziale.
Prof. Kunze warnt vor „abgehängten Organisationen“, in denen der technologische Wandel kaum ankommt und Beschäftigte dauerhaft geringere Entwicklungschancen haben. Für HR bedeutet dies, vorausschauend in strukturierte Lernangebote, Führungskommunikation und Governance zu investieren – und dabei auch die Schattennutzung sichtbar zu machen, zu bewerten und gegebenenfalls in geregelte Bahnen zu lenken.
Implikationen für HR-Strategien
Die Konstanzer Studie macht deutlich, dass der Zugang zu KI stark von strukturellen Faktoren beeinflusst wird. Daraus ergeben sich für HR folgende zentrale Handlungsfelder:
1. Strategische Personalentwicklung anpassen
Es muss gezielt darauf hingewirkt werden, Weiterbildungsangebote breitenwirksam zu gestalten – auch für bildungsferne oder produktionsnahe Zielgruppen.
2. Führungskräfte qualifizieren und einbinden
Die Kommunikation durch Führungskräfte ist oft schwach ausgeprägt. HR sollte Führung als Multiplikator begreifen und gezielt qualifizieren.
3. Governance und Sicherheit gewährleisten
Im Unternehmen braucht es klare Regelwerke zur Nutzung von KI-Tools, um Risiken für Datenschutz, Qualität und Compliance zu minimieren.
4. Frühwarnsysteme für Exklusion etablieren
Analysen sollten regelmäßig Zugangshürden, Nutzungsmuster und Teilhaberisiken sichtbar machen, um gezielt gegenzusteuern.
5. Kooperation mit Bildungsinstitutionen ausbauen
Gerade KMU können durch externe Partnerschaften gezielt Fachwissen aufbauen und Lernangebote bereitstellen.
Fazit
Die Konstanzer KI-Studie 2025 ist ein Weckruf für Unternehmen, den technologischen Wandel nicht nur mitzugehen, sondern aktiv zu gestalten. KI entfaltet ihr Potenzial nicht automatisch gleichmäßig – vielmehr drohen neue Formen der technologischen Ungleichheit. Auch die Personalabteilungen sind gefordert, Brücken zu bauen: zwischen technologischer Innovation und sozialer Teilhabe, zwischen individuellen Vorreitern und organisatorischer Infrastruktur.









