Künstliche Intelligenz im Recruiting: Warum persönliche Vorstellungsgespräche wieder an Bedeutung gewinnen

von | Aug. 15, 2025 | KI im Recruiting, News

zuletzt aktualisiert 6. Oktober 2025

Künstliche Intelligenz (KI) hat den Bewerbungsprozess in den vergangenen Jahren tiefgreifend verändert. Während anfangs Effizienz und Geschwindigkeit im Vordergrund standen, rücken mittlerweile Fragen nach Integrität und Glaubwürdigkeit stärker in den Fokus. Laut einem Bericht des Wall Street Journal reagieren viele Unternehmen darauf, indem sie persönliche Vorstellungsgespräche wieder häufiger in ihre Auswahlverfahren integrieren.

Digitale Interviews und ihre Risiken

Virtuelle Bewerbungsgespräche haben sich seit der Pandemie in vielen Branchen etabliert, besonders bei remote ausgeschriebenen Stellen im IT- und Technologiebereich. Sie sind flexibel und kostengünstig, bergen jedoch auch neue Risiken. Das WSJ berichtet von zunehmenden Manipulationsversuchen, etwa durch KI-gestützte Sprachassistenzen, vorbereitete Antworttexte oder automatisch generierten Programmcode. Solche Hilfsmittel erschweren es, den tatsächlichen Kenntnisstand der Bewerbenden realistisch einzuschätzen.

Präsenzinterviews als Mittel zur Authentizitätsprüfung

Unternehmen wie Google, McKinsey und Cisco setzen wieder verstärkt auf persönliche Gespräche, um Fachkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Soft Skills unmittelbar zu beurteilen. Google-CEO Sundar Pichai erklärte dazu in einem Podcast mit Lex Fridman, dass in dem Unternehmen inzwischen mindestens eine Präsenzrunde vorgesehen sei, um grundlegende Fähigkeiten zu überprüfen. McKinsey verfolgt seit über einem Jahr die Strategie, vor einer Einstellung immer ein persönliches Gespräch zu führen – auch, um Vertrauen und Teamfähigkeit besser einschätzen zu können.

Laut einer Studie von Gartner sind 62 % der Bewerbenden eher bereit, sich auf eine Stelle zu bewerben, wenn das Unternehmen Präsenzinterviews durchführt – ein Hinweis darauf, dass persönliche Gespräche auch das Vertrauen in den Auswahlprozess stärken können. Insbesondere, da nur 26 % der Studienteilnehmer darauf vertrauen, von KI im Bewerbungsprozess fair bewertet zu werden. 25 % gaben an, Arbeitgebern weniger zu vertrauen, wenn diese KI in der Vorauswahl einsetzen. Gleichzeitig nutzten laut einer weiteren Umfrage 39 % der Kandidatinnen und Kandidaten selbst KI im Bewerbungsprozess – vor allem zur Erstellung von Lebensläufen, Anschreiben und Texten für Assessments.

Das technologische Wettrüsten

Das WSJ beschreibt die Entwicklung als ein Wettrüsten: Unternehmen nutzen KI zur Vorauswahl, während Bewerbende dieselbe Technologie einsetzen, um Bewerbungsunterlagen zu optimieren, Bewerbungen zu automatisieren oder Interviews zu manipulieren. Besonders gravierend sind Fälle von Identitätsbetrug – etwa durch Deepfake-Technologien – wie bei nordkoreanischen IT-Fachkräften, die sich unter falschen Namen bei US-Unternehmen bewarben.

Die Gartner-Studie, auf die sich das WSJ bezieht, ergab, dass 6 % der Befragten in einem Vorstellungsgespräch eine andere Identität vorgaben oder sich vertreten ließen. Gartner prognostiziert, dass bis 2028 weltweit jedes vierte Bewerberprofil gefälscht sein könnte.

Maßnahmen zur Sicherung der Echtheit

Viele Unternehmen kombinieren heute virtuelle und persönliche Interviews und setzen ergänzend auf Identitätsprüfungen und biometrische Verifikationen.

HR-Teams werden darin geschult, Auffälligkeiten zu erkennen – beispielsweise unpassende Pausen vor Antworten, geflüsterte Hinweise oder Geräusche von Tastaturanschlägen im Hintergrund oder ungewöhnliche Veränderungen im Sprechverhalten.

Solche Auffälligkeiten führen heute deutlich schneller zu weiteren Prüfungen oder zum Ausschluss aus dem Verfahren.

Fazit

Der Einsatz von KI im Personalwesen beschleunigt und standardisiert Bewerbungsverfahren, schafft aber gleichzeitig auch neue Risiken. Die Rückkehr zu persönlichen Gesprächen macht deutlich, dass der direkte menschliche Kontakt unverzichtbar ist, um Fähigkeiten und Authentizität zuverlässig zu prüfen. HR-Abteilungen stehen vor der Aufgabe, technologische Effizienz mit fundierter persönlicher Einschätzung zu verbinden. Die Zukunft des Recruitings wird hybrid sein – Vertrauen bleibt dabei der zentrale Erfolgsfaktor.

Empfehlungen für HR-Abteilungen

  1. Präsenzinterviews bei Schlüsselpositionen fest einplanen
  2. Mitarbeitende im Erkennen digitaler Manipulationen schulen
  3. Biometrische Verifikation in Bewerbungsprozesse integrieren
  4. Kooperationen mit Anbietern für Identitäts- und Deepfake-Prüfungen aufbauen
  5. Ethische Richtlinien für den Einsatz von KI im Recruiting entwickeln

Sundar Pichai: CEO of Google and Alphabet über Bewerbungsgespräche im Lex Fridman Podcast

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