zuletzt aktualisiert 6. Oktober 2025
Der Fachkräftemangel in den MINT-Fächern ist seit Jahren ein Dauerthema. Doch trotz hoher Nachfrage am Arbeitsmarkt haben es viele Absolventinnen und Absolventen der Informatik und Ingenieurwissenschaften schwer, beruflich Fuß zu fassen. Ein aktueller Gastbeitrag von Prof. Dr. Patrick Glauner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27. August 2025) zeigt auf, warum die Ursachen nicht allein in der Konjunktur liegen, sondern auch in einer unzureichenden Qualifizierung an deutschen Hochschulen.

Fehlqualifikation trotz Fachkräftemangel
Während die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und damit eigentlich mehr Stellen frei werden müssten, berichten viele Berufseinsteiger von langen Bewerbungsphasen ohne Erfolg. Glauner schreibt dazu: „Die Ursache ist nicht nur die konjunkturelle Lage, sondern auch Fehlqualifikation.“
Die entscheidende Diskrepanz: Unternehmen suchen nach Talenten mit Kompetenzen in Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Cybersicherheit – doch viele Curricula bilden diese Anforderungen noch nicht ausreichend ab.
KI als Schlüsselfaktor für den Berufseinstieg
Besonders deutlich zeige sich das Problem in der Informatik. Klassische Studienpläne behandelten KI häufig nur am Rande. Wer heute ohne fundierte Kenntnisse in diesem Bereich ins Berufsleben starte, stoße schnell an Grenzen. Glauner, Professor für KI an der TH Deggendorf, betont: „Ersetzt werden vor allem diejenigen, die keine KI nutzen, durch ihre Fachkollegen, die durch den Einsatz von KI ihre Produktivität erhöhen.“
Damit entstehe eine paradoxe Situation: Fachkräfte fehlten, doch die vorhandenen Absolventen brächten nicht die gesuchten Qualifikationen mit.
Stillstand in den Ingenieurwissenschaften
Auch im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik seien die Studieninhalte vielfach kaum modernisiert, kritisiert Glauner. Digitalisierung und Industrie 4.0 spielten noch zu oft nur Nebenrollen. Deutsche Ingenieurabsolventen seien daher „zwar theoretisch solide ausgebildet, jedoch nicht ausreichend auf die Realität digitalisierter Industrieprozesse […] vorbereitet“.
Verantwortung der Hochschulen
Glauner fordert eine konsequente Anpassung der Studiengänge: Themen wie KI, Cybersicherheit, Digitalisierung und Quantencomputing müssten zum Kernbestandteil werden. Neben modernen Inhalten brauche es auch mehr Praxisnähe – etwa durch verpflichtende Praxissemester oder Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen.
Dabei sieht er auch die Lehrenden in der Pflicht: Wissenschaftsfreiheit bedeute nicht, dass veraltete Inhalte dauerhaft Bestand haben dürfen.
Was Unternehmen tun können
- Frühzeitige Einbindung von Studierenden: Praxissemester, Werkstudententätigkeiten und Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen schaffen einen realistischen Praxisbezug und erleichtern später den Berufseinstieg.
- Gezielte Nachwuchsförderung: Stipendien, Mentoring-Programme und die frühe Ansprache von High Potentials stärken die Bindung junger Talente.
- Weiterbildungs- und Traineeprogramme: Da viele Absolventen nicht über die geforderten Kenntnisse in KI oder Cybersicherheit verfügen, können interne Trainingss und Bootcamps diese Lücken schließen.
- Kompetenzorientierte Auswahlverfahren: Neben klassischen Noten sollten praktische Projekterfahrungen, Programmierfähigkeiten und Problemlösungskompetenzen beim Recruiting stärker berücksichtigt werden.
- Lebenslanges Lernen etablieren: Unternehmen müssen ihre Belegschaften kontinuierlich an neue Technologien und Methoden heranführen, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben.
Ausblick
Trotz der aktuellen Schwierigkeiten bleibt die langfristige Perspektive positiv. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in Informatik und Ingenieurwesen wird weiter steigen – getrieben durch den demografischen Wandel und die digitale Transformation.
Die zentrale Aufgabe lautet daher: Studium, Arbeitswelt und Personalstrategien enger verzahnen, um Fehlqualifikationen zu vermeiden und den Fachkräftemangel nachhaltig zu entschärfen.





